Mittwoch, 7. Mai 2014

Butterick 4610 - Die unendliche Geschichte - Teil 1

"I have a dream!"
Ja, ich wähle absichtlich diesen Satz, denn mein Hobby Nähen ist mir sehr wichtig. Es hat einen hohen Stellewert in meinem Leben.
Aber welchen Traum habe ich? Ganz einfach: Ich träume von dem perfekten Blazer.

Bei meinem neuen Projekt versuche ich, mein Wissen und Können einfließen zu lassen. Gut - das versuche ich immer, nur diesmal soll es noch ein kleinwenig mehr Einsatz geben. (Was immer das heißen mag!?!)


Wieso komme ich gerade jetzt auf die Idee? Ich war Anfang April beim Nähtreffen in Bielefeld. Nochmals "Dankeschön" an die Initiatorinnen: Mema, Bunte Kleider, Das Büro für schöne Dinge. (Ihr habt mir ein wunderschönes Wochenende bereitet.) Dort trug ich einen Mantel und der war ansich nicht schlecht, aber.... Kennt ihr das? Es stört etwas. Man kann es nicht erklären, aber es ist nicht stimmig. Irgendwann bemerkte ich die Mehrweite über meinem Busen und dann war es vorbei. Ich sah nur noch diese Mehrweite. Ich fand der ganze Mantel bestand aus Mehrweite. Fazit: Ich hatte keinen Spaß mehr an meinem Mantel!
Montags darauf war ich in Kassel und bin zu meinem Stoffdealer gepilgert, um Hilfe zu erflehen. Diese wurde mir auch gewährt - nix mehr mit Mehrweite - hähä - einfach weggesteckt. (Nur noch ein bisschen Weite. Nein, ich kann nicht zufrieden sein!)
Erstaunlicherweise musste ich Frau Spohr (die hilfreiche Stoffverkäuferin) erst auf mein Problem Aufmerksam machen. Beim ersten Betrachten fiel es ihr gar nicht auf. Da wurde mir klar, dass ich selbst mein schlimmster Kritiker bin.
Weiterhin erklärte mir Frau Spohr, dass sie über wenig Grundschnitte verfüge. Diese aber auf ihren Körper angepasst und für ihre Statur geeignet seien. Ich glaube sogar, dass es wesentlich wichtiger ist, dass die Schnitte zur Statur passen als dass sie zu 95 % perfekt ausgearbeitet sind.

Momentan bin ich also dabei meinen Grundschnitt zu entwickeln. Nein, nicht die fortgeschrittenen Version. Ich passe einen vorhandenen Schnitt auf meine Statur an. Ausgewählt habe ich den Blazerschnitt 4610 von Butterick.


 Mir gefällt das tiefe Revers, die Wienernähte im Vorder- und Rückenteil, der vordere Abnäher, die rückwärtige Rückennaht und der zweiteilige Ärmel. Für meine Figur ist der Schnitt gut geeignet, da ich an den verhandenen Nähten den Schnitt auf Figur bringen kann und das tiefe Revers sollte meiner Oberweite schmeicheln. (Diese Aussage stammt nicht von mir, sondern ist aus diversen Stilratgebern entnommen.)

Als erstes habe ich mich ausgemessen: 90 - 60 - 90!
Na ja, fast: 101 - 81 - 104.
Da ich über ein respektables D/E-Körbchen verfüge, habe ich ebenfalls den Umfang über dem Busen gemessen und diesen Wert in die Größenwahl einfließen lassen.


Die Schnittteile habe ich auf Folie gezeichnet und die gröbsten Änderungen durchgeführt. Bei mir ist das die Verlegung des Brustpunktes sowie eine FBA mit 2,5 cm. Anregungen habe ich mir aus dem Craftsy-Kurs "Adjust the bust" von Kathleen Cheetham geholt.

Blöderweise habe ich da auch schon die Hohlkreuzänderung durchgeführt. Memo an mich: Nie wieder! Erst auf das Nesselmodell warten.


Danach habe ich die Folienteile fein ordentlich auf meinen fadengeraden gebügelten - nicht vorgewaschenen - Nessel gelegt und jede Markierung übertragen. (Ganz stolz auf mich bin!)
Die ausgeschnittenen Nesselteile zusammengenäht und die ersten Proben durchgeführt.



















Den Prozess des Steckens, des Nähens, des Erkennens, des Trennens, des Steckens, des Nähens, das Erkennens, ... verkürzen wir jetzt mal ungemein.


Wo ist er denn? Ja, wo ist er denn? Verdammt - wo ist mein Rücken?

(Große Hilfe ist meine "Emma". Still und geduldig harrt sie aus. Laura hat mit Klebestreifen ein Modell meines Körpers gefertigt und diesen habe ich meiner alten Schneiderpuppe übergestülpt. Leider macht die Erdanziehungskraft auch meiner "Emma" zu schaffen und entscheidende Merkmale sind bereits nach unten verrutscht.)
Einige Dinge kann ich an der Puppe besser erkennen. Zum Beispiel der Sitz des Ärmels. Der Fadenlauf sollte lotgerecht nach unten fallen. Dies ist auch tatsächlich der Fall, auch wenn es auf dem Foto anders erscheint.


















Jedenfalls habe ich geschaut, gemacht, getan - genäht, gesteckt, getrennt, erkannt. Aber irgendwann ist halt mal gut - aus - schluss - reicht - besser kann und will ich nicht!

Diesen ganzen trockenen Text muss man ersteinmal verdauen. Wie es weitergeht, werde ich dann in den nächsten Tagen berichten.

Tschüss
Martina


PS:
Wie heißt es so schön "Konstruktive Kritik ist durchaus erwünscht". Im Idealfall kann man ja etwas Neues lernen.

Kommentare:

  1. 90-60-90... *lach* DER war gut :D
    Ich kann leider keine hilfreichen Hinweise geben, dafür erkenne ich einfach zu wenig. Erkennen kann ich aber, dass der Ärmel schon mal super sitzt. Glückwunsch, das ist immer mein größtes Ärgernis (Ärmel sind tricky!).
    Ich bin gespannt, wie es weiter geht,
    Liese

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    1. Ich freue mich, von dir zu hören, denn du warst lange "unsichtbar".
      Ärmel finde ich nicht so schlimm. Es richtet sich immer nach dem Stoff, ob ich verzweifel oder ob es lässig wird.
      LG Martina

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  2. Vielen Dank für den superlieben Kommentar, den du auf meinem Blog hinterlassen hast! Der hat heute ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert :)

    Auch mit meinen geschulten Schneideraugen kann ich auf den Fotos keinerlei nötige Passformverbesserungen erkennen. Ist zwar viel Arbeit einen Schnitt auf die eigene Figur an zu passen, aber wenn man erst einmal einen perfekt sitzenden Schnitt hat, kann man ihn immer wieder nähen und abändern, so lohnt sich auch der Aufwand. Ich bin schon auf deinen fertigen Blazer gespannt!

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Genau das ist der Plan. Einen Schnitt zu optimieren und ihn dann abzuwandeln.
      Danke, dass du mit deinem geschulten Blick ein Auge auf mein Projekt geworfen hast. (Nur so am Rande: Ich war erstaunt, dass sich die Passform nach dem Einsetzen des Revers noch einmal deutlich verändert hat.)
      LG Martina

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  3. Ich kann nur staunen, mit wie viel Akribie und Hingabe du dieses Blazer-Projekt verfolgst. Ich wünschte, ich hätte auch einen so langen Atem und so viel Ehrgeiz. Ich wünsche dir viel Erfolg und halte uns auf dem Laufenden.
    LG
    Siebensachen

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    1. Langer Atem und Ehrgeiz sind bei deinen Projekten doch auch spürbar. Wenn ich deine gestricken Tücher sehe, dann komme ich mir aber wie die faule Pechmarie vor.
      Das Basteln an dem "perfekten" Blazerschnitt macht mir einfach Spaß und dann bin ich durchaus bereit, einen gewissen Ehrgeiz zu entwickeln.
      LG Martina

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  4. Spannende Doku! Viel Erfolg weiterhin, denn das sieht ja schon mal vielversprechend aus.
    Und was man da so an Selbsterkenntnis gewinnt...
    Liebe Grüße an die Frau mit den tollen Maßen!
    Petra

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  5. Du hast es erkannt! Dies ist meine Doku über die Entwicklung eines Blazers. Ich merke, dass ich manche Dinge vergesse - auch im Bezug auf mein Hobby - und deshalb wollte ich diese Dokumentation starten. Mir immer mal wieder ins Gedächtnis rufen, dass erst der Schritt und dann erst der nächste Schritt kommen sollte.
    LG Martina

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  6. Hallo Martina,
    dein Text hat mich zum Lachen gebracht- danke, das hab ich so früh gebraucht :-)
    Und jetzt zum leidigen Schnittanpassen: das Gleiche durchlebe ich gerade mit einem Hosenschnitt. Blöd ist wirklich, wenn man über Rundungen verfügt. Pack mal einen Luftballon faltenfrei in Seidenpapier- so komm ich mir manchmal vor...Deine Methode ist der richtige aber auch so mühselige Weg. Da wir keine Profis sind, lernen wir das halt Step by Step und mein Ziel ist, dass die Passform über der Verarbeitung stehen muss. Ich würde auch gerne Nähte und Versäuberungen, Einfassungen etc. wie in der Konfektion hinbekommen. Aber jetzt krieg ich erst mal die Passform hin und das ist schon ne ganze Menge, oder? Lass nicht locker, du schaffst das!!!
    Ich freu mich auf deinen Blazer,
    liebe Grüße
    Claudia

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    1. Her mit dem Luftballon und dem Seidenpapier.
      Eine weitere Erkenntnis habe ich von Frau Spohr gelernt: Nicht nur die Passform (von der Verarbeitung wollen wir jetzt gar nicht reden) sondern die Schnittform ist entscheidend für das Gelingen eines Kleidungsstücks. Es muss zum Typ und dessen Figur passen. Mir stehen keine Schnitte ohne Abnäher. Gerade runter heisst bei mir gefüllter Kartoffelsack mit Öhrchen dran. Das geht gar nicht.
      LG Martina

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  7. Dieser Blazer-Schnitt liegt bei mir auch rum und wartet schon sehr lange (seit Jahren) auf Verarbeitung. An diesem Schnitt finde ich die taillierte Form so klasse (obwohl ich ja kaum Taille vorzuweisen habe ;-) und die Länge ist sowohl für Hosen, als auch Röcke und Kleider perfekt.
    Was mir an Deinem Probemodel sofort sehr positiv auffällt, ist der gut sitzende Kragen, samt Revers- der liegt sehr schön am Hals an. Sehr oft sehe ich Blazer (auch gekaufte), da steht der Kragen richtig weit vom Hals entfernt ab und wirkt dadurch ein bisschen wie eine Rüstung.
    Die Passform kann ich nicht so richtig beurteilen, die vielen Markierungen machen mich irre.
    So eine gute Fee zum Abstecken der Kleidungsstücke könnte ich auch gebrauchen. Das ist Gold wert und so erübrigt so manch beschwerlicher Weg oder auch so manches Fachbuch zur perfekten Passform ;-).
    Aber Du bist hartnäckig und schaffst das schon!
    Ich bin gespannt, aus was für einem Stoff Dein Blazer kommt!

    Ganz liebe Grüsse von Sabine

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    1. Ja, der Blazerschnitt ist schon älter - aber das bin ich ja auch! *grins*
      Gerade die taillierte Schnittform gefällt mir, weil meine Taille ruhig mehr Betonung vertragen kann.
      Bei dem Revers habe ich eine Mehrweite weggesteckt. Dadurch fällt der Revers wesentlich schöner. Diesen Tipp habe ich aus dem Craftsy-Kurs "Jacket Fitting Techniques" von Pam Howard.
      LG Martina

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  8. Also, Deinen Mantel habe ich in Bielefeld Natura gesehen und ich fand ihn sehr schön, aber letztlich muß er natürlich Dir gefallen.
    Der Blazerschnitt gefällt mir ausgesprochen gut. Das wird was. IIch bin sehr gespannt auf das Ergebnis.
    LG
    Annette

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    1. Nach der Änderung bin ich auch sehr zufrieden. Aber an dem Wochenende sah ich nur wie massige Stoffmengen über meinem Busen wogen - das ging gar nicht.
      Übrigens bin ich auch auf das Blazerergebnis gespannt.
      LG Martina

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  9. Da bin ich auch gespannt ... Ich versteh nämlich gar nichts von Änderungen, deshalb bewundere ich Deine Hartnäckigkeit!
    Wünsche noch viel Ausdauer für die Verwirklichung!
    Gruss LiLo

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